Gebrauchsanleitung für unseren Verstand

Für jedes Gerät, welches wir uns kaufen, erhalten wir eine umfassende Gebrauchsanleitung. Doch unser Verstand - die wohl grösste Maschine überhaupt - müssen wir ohne jegliche Anweisung verstehen und damit umgehen können. Wäre es nicht praktisch ein Handbuch zu haben, um nachzulesen, wie unser Verstand funktioniert und wie wir ihn richtig bedienen? Im Folgenden findest du eine kleine Gebrauchsanweisung für deinen Verstand. Sie beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Denken und soll dir dabei helfen, mit möglichen Problemen, die wir Menschen manchmal im Umgang mit unserem Verstand haben, besser umgehen zu können.

Diese Anleitung stammt aus Wengenroth: Therapie-Tools Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Beltz, 2017.

Dein Verstand ist ein ausgesprochen leistungsstarkes Gerät, das sich in deinem Alltag bald als unverzichtbar erweisen wird. Die angemessene Benutzung dieses Geräts wird dich in die Lage versetzen, mit anderen und dir selbst zu sprechen, Situationen zu analysieren, Bewertungen durchzuführen, Regeln aufzustellen, Pläne zu machen, Probleme zu lösen, Vorhersagen zu treffen und viele andere Dinge mehr zu tun. 

Warnhinweis: Mit einem unsachgemässen Gebrauch deines Verstandes sind Risiken verbunden. Unter anderem kann es zu Handlungsblockaden, Einschränkungen der Lernfähigkeit und Problemen auf der Gefühlsebene kommen.

Im Folgenden erhältst du einen kleinen Überblick über einige wichtige Eigenschaften des Gerätes und die damit verbundenen Risiken.

Herstellen von Bezügen: Die Hauptaufgabe des Gerätes besteht darin, Bezüge zwischen den verschiedenen Dingen und Ereignissen herzustellen, mit denen du es in deinem Leben zu tun hast. Ein Teil der hergestellten Bezüge ist unbrauchbar oder gar widersinnig, bizarr oder unmoralisch. Das ist eine ganz normale Begleiterscheindung der schier unbegrenzten Fähigkeit des Gerätes, alles mit allem in Verbindung zu setzen. Es heisst nicht, dass das Gerät defekt ist. Welche Gedanken dein Verstand in einer bestimmten Situation erzeugt, ist hauptsächlich das Resultat seiner Programmierung, d.h. der Informationen, die es bislang aufgenommen hat, sowie einiger vorgegebener Werkeinstellungen. Dein Gerät prüft die ausgegeben Gedanken zwar in gewissem Mass auf ihre innere Schlüssigkeit, aber nicht auf den Nutzen, den der Gedanke in der aktuellen Situation für dich als Benutzer haben könnte.

--> Wundere dich daher nicht über unbrauchbare oder "schlechte" Gedanken. Ihr Auftreten ist normal und heisst nicht, dass mit dir oder deinem Verstand etwas nicht stimmt. 

Wirkungsübertragung: Beim Herstellen eines Bezugs zwischen einer Sache (A) und einer anderen (B), sorgt die Gerät dafür, dass ein Teil der Wirkung von A auf B übertragen wird. Für dich als Benutzer hat dies zur Folge, dass allein ein Gedanke an eine bestimmte Sache einen ähnlichen Effekt auf dich haben kann wie die Sache selbst. Dies kann sehr nützlich und erwünscht sein. Dass beispielsweise allein der Gedanke an eine mögliche Gefahr Angst auslösen kann, erhöht das Bestreben, sich in Sicherheit zu bringen. Auch bei der Arbeit an positiven Zielen hilft die Wirkungsübertragung: Schon die gedankliche Vorstellung von einer angestrebten Situation kann positive Gefühle auslösen und die Motivation erhöhen, auf die Erreichung des Ziels hinzuarbeiten. Der Nachteil dieses Merkmals: Die übertragene Wirkung der Gedanken ist nicht immer hilfreich, sondern manchmal hinderlich. Beispielsweise kann alleine der Gedanke an ein schlimmes Ereignis Angst und Schmerz auslösen, selbst wenn dieses Ereignis noch gar nicht eingetreten ist, ja möglicherweise niemals eintreten wird. 

--> Vergiss nicht, dass das Auftreten von Gefühlen nicht unbedingt auf bestimmte Ereignisse in der Realität hindeutet. Wenn du Angst hast, muss das nicht bedeuten, dass du in Gefahr bist. Wenn du traurig bist, muss das nicht bedeuten, dass deine Lage hoffnungslos ist. Wenn du dich über jemanden ärgerst, muss das nicht heissen, dass er sich schlecht benommen hat. Manche Gefühle sind bloss Begleiterscheinungen von gedanklichen Verknüpfungen, die dein Verstand herstellt.

Kontrollmechanismus: Dein Verstand ist mit einem automatischen Kontrollmechanismus zur Erkennung und Beseitigung von Problemen ausgestattet. Alles, was das Gerät registriert, wird bewertet und entweder als problematisch oder als unproblematisch eingestuft. Erkennt dein Verstand ein Problem, schaltet er automatisch in den Problembeseitigungsmodus: Das Gerät fordert dich auf, Massnahmen zur Überwindung des Problems zu ergreifen und schlägt dir mögliche Vorgehensweisen vor. Diese Eigenschaft deines Geräts ist grundsätzlich nützlich, allerdings mit zwei Risiken verbunden:

- Zum einen definiert dein Gerät manchmal auch Situationen als Problem, die gar keins sind oder an denen nichts zu ändern ist. Dies führt vor allem dann zu Schwierigkeiten, wenn das Gerät das Auftreten bestimmter Gefühle oder das Verhalten anderer Menschen als Problem definiert. 

- Zum anderen sind die Massnahmen, die das Gerät vorschlägt, oft nur begrenzt wirksam und zum Teil sogar eher schädlich, insbesondere auf längere Sicht.

--> Glaube also nicht alles, was du denkst. Nicht jedes Problem, das dein Verstand dir meldet, ist wirklich eins. Nicht jede Lösung, die er dir vorschlägt, ist eine gute Lösung.

Anti-Manipulationsmechanismus: Dein Gerät funktioniert weitgehend selbstständig, d.h., du hast keinen Einfluss darauf, welche Gedanken es in einer bestimmten Situation hervorbringt. Es liegt als beispielsweise nicht in deiner Macht, nur positive Gedanken zu erzeugen. Die Benutzer des Gerätes versuchen manchmal, bestimmte Gedanken zu unterdrücken. Da dies aber ungünstige Konsequenzen haben kann, wurde dem Gerät ein Anti-Manipulationsmechanismus eingebaut. Dieser bewirkt, dass es mit einem verstärkten Auftreten von Gedanken reagiert, die du zu unterdrücken versuchst. Dies gilt ganz besonders auch für unangenehme Erinnerungen. 

--> Versuche nicht, bestimmte Gedanken zu unterdrücken. Dies funktioniert in den seltensten Fällen und führt oft dazu, dass die unterdrückten Gedanken eher umso häufiger und intensiver auftreten. 

Negativitätsfokus: Dein Gerät erzeugt im Allgemeinen mehr negative als positive Gedanken- Wenn es beim Benutzer Anzeichen von Stress wahrnimmt, erhöht sich der Anteil negativer Gedanken noch. Dies ist darauf zurück zu führen, dass die Hauptaufgabe des Gerätes darin besteht, Probleme zu erkennen und dich auf diejenigen Aspekte einer Situation aufmerksam zu machen, die eine Bedrohung für dich darstellen könnten.

--> Verzweifle nicht, wenn es dir nicht gelingt, einfach positiv zu denken. Dies ist schlichtweg nicht möglich, vor allem in stressigen Situationen. Aber denke daran, dass dein Verstand es manchmal ein bisschen übertreibt mit seinen Warnungen und seiner Schwarzseherei. 

Und nun wünsche ich dir viel Spass mit deinem Gerät und dem Kennenlernen seiner Funktionen!